Soziale Medien: Die Sucht, die wir unterschätzen
Ein US-amerikanisches Gericht hat erstmals Social-Media-Konzerne für suchtförderndes Produktdesign haftbar gemacht. Das Urteil gegen Meta (Facebook, Instagram, WhatsApp), Google (YouTube), Snap (Snapchat) und Bytedance (TikTok), bei dem eine junge Frau 6 Millionen Dollar Schadensersatz zugesprochen bekam, schlägt weltweit Wellen. Doch wie sieht die medizinische Realität aus? Wann wird Scrollen zur Sucht – und was können Betroffene tun? Dr. med. Florian Gal, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, erklärt die Hintergründe, Warnsignale und Auswege.
Herr Dr. Gal, das Urteil aus den USA sorgt für Aufsehen. Sind soziale Medien wirklich so gefährlich wie Zigaretten?
Chefarzt Dr. med. Florian Gal: „Der Vergleich mit der Tabakindustrie ist nicht zufällig gewählt und ich halte ihn medizinisch für durchaus treffend. Konzerne wie Meta haben über Jahre hinweg intern gewusst, wie stark ihre Plattformen auf das Belohnungssystem des Gehirns wirken. Der sogenannte Dopamin-Loop, also die kurzfristige Ausschüttung von Glückshormonen durch Likes, Kommentare oder neue Inhalte, beruht auf überlappenden neurobiologischen Mechanismen, wie wir sie auch aus der Suchtmedizin kennen. Der entscheidende Unterschied: Beim Rauchen gibt es eine Zigarette in der Hand. Beim Scrollen ist die eigentliche Droge unsichtbar.“
Ab wann ist denn das Nutzen sozialer Medien wirklich als Sucht einzustufen?
„Für soziale Medien gibt es bislang keine eigenständige offizielle Diagnose im Sinne einer anerkannten ‚Social-Media-Sucht‘. In der klinischen Praxis achten wir aber auf suchtähnliche Muster: ein starkes und schwer kontrollierbares Verlangen zur Nutzung, Kontrollverlust, Vernachlässigung anderer Lebensbereiche, fortgesetzte Nutzung trotz negativer Folgen sowie Unruhe oder Gereiztheit, wenn die Nutzung eingeschränkt wird. Entscheidend ist weniger eine starre Anzahl von Punkten als die Frage, ob über einen längeren Zeitraum eine relevante Beeinträchtigung von Schlaf, Schule, Arbeit, Beziehungen oder psychischer Gesundheit entsteht. Dann sollte eine professionelle Abklärung erfolgen.“
Unterscheidet sich die Suchtgefahr je nach Lebensalter?
„Ja, deutlich – allerdings nicht in starren Altersgrenzen, sondern entlang der Entwicklung. Kinder und Jugendliche sind insgesamt vulnerabler als Erwachsene, weil das Gehirn, insbesondere die Systeme für Impulskontrolle, Planung und Selbstregulation, noch nicht vollständig ausgereift ist. Die Reifung des präfrontalen Kortex reicht bis weit in die 20er-Jahre. Je früher hochreizvolle digitale Gewohnheiten eingeübt werden, desto eher können sie sich verfestigen.
In der Adoleszenz kommt ein zweiter Faktor hinzu: In dieser Lebensphase haben Zugehörigkeit, Anerkennung und Rückmeldung durch Gleichaltrige ein besonders hohes Gewicht. Genau darauf sind soziale Plattformen zugeschnitten – über Likes, Kommentare, Follower-Zahlen und permanente Vergleichsmöglichkeiten. Das kann den Druck erhöhen und bei vulnerablen Jugendlichen Angst, depressive Symptome, Schlafprobleme und problematische Nutzungsmuster begünstigen.
Erwachsene sind im Durchschnitt besser zur Selbststeuerung fähig, aber keineswegs immun. Besonders anfällig sind Menschen mit Depressionen, Angststörungen, Einsamkeit, chronischem Stress oder instabilem Selbstwert. Auch im höheren Lebensalter können soziale Medien einerseits Verbindung schaffen, andererseits bei bestehender Isolation in eine kompensatorische und mitunter problematische Nutzung übergehen. Entscheidend ist daher weniger das kalendarische Alter als die Kombination aus Entwicklungsstand, psychischer Vulnerabilität und sozialem Umfeld.“
Was in den verschiedenen Altersgruppen wirklich hilft
Was empfehlen Sie für Kinder?
„Bei Kindern geht es vor allem um Struktur, Begleitung und Vorbild. Entscheidend sind nicht starre Minutenvorgaben, sondern klare Rahmenbedingungen: keine Geräte beim Essen, keine Geräte im Schlafzimmer und möglichst keine Bildschirmnutzung in der letzten Stunde vor dem Schlafen. Gerade jüngere Kinder brauchen außerdem keine dauernde Verfügbarkeit digitaler Reize, sondern verlässliche Routinen, ausreichend Schlaf, Bewegung, freies Spiel und echte Beziehungserfahrungen. Wichtig ist auch das Verhalten der Eltern selbst: Kinder lernen Mediennutzung vor allem am Modell. Wenn Erwachsene ständig aufs Handy schauen, werden Regeln schnell unglaubwürdig.“
Und für Jugendliche oder Heranwachsende?
„Bei Jugendlichen funktionieren reine Verbote meist nur begrenzt. Sinnvoller ist es, Selbststeuerung und digitale Kompetenz zu fördern. Jugendliche sollten lernen, ihre eigenen Nutzungsmuster zu erkennen: Wann tut mir Social Media gut, wann kippt es in Druck, Vergleich oder ständiges Nachschauen? Hilfreich sind Bildschirmzeitberichte, abgeschaltete Push-Benachrichtigungen, gemeinsam vereinbarte Handyzeiten und vor allem attraktive Alternativen im echten Leben. Wer Sport treibt, Musik macht, kreativ arbeitet, sich mit Freunden trifft, sich im Verein engagiert oder regelmäßig draußen aktiv ist, braucht digitale Anerkennung oft weniger als Hauptquelle von Stimmung und Zugehörigkeit. Professionelle Hilfe wird dann sinnvoll, wenn Schlaf, Schule, Ausbildung, Beziehungen oder die psychische Stabilität längerfristig leiden.“
Was raten Sie Erwachsenen, die merken, dass sie die Kontrolle verlieren?
„Der wichtigste erste Schritt ist, das Problem ernst zu nehmen. Viele Erwachsene bagatellisieren ihre digitale Übernutzung, obwohl sie längst merken, dass Konzentration, Schlaf, Stimmung oder Beziehungen darunter leiden. Hilfreich sind zunächst konkrete Alltagsmaßnahmen: Push-Benachrichtigungen reduzieren, feste handyfreie Zeiten einführen, das Smartphone nachts aus dem Schlafzimmer verbannen und die Nutzung nicht jedes Mal als automatische Reaktion auf Stress, Langeweile oder innere Unruhe einsetzen. Wenn das nicht ausreicht oder bereits eine deutliche Beeinträchtigung besteht, sollte man sich psychotherapeutisch beraten lassen. In vielen Fällen sind verhaltenstherapeutisch orientierte Ansätze besonders hilfreich, aber entscheidend ist zunächst eine professionelle Abklärung und ein passendes, individuell abgestimmtes Behandlungsangebot.“
Falle für Beziehungen – wenn das Smartphone die Ehe belastet
„Sie sprechen auch von problematischer Smartphone-Nutzung in Beziehungen. Wie zeigt sich das?“
„Was wir zunehmend sehen, ist das Phänomen des sogenannten Phubbing – zusammengesetzt aus ‚phone‘ und ‚snubbing‘. Gemeint ist damit, dass man sich dem Smartphone zuwendet und den Partner dabei emotional oder kommunikativ ins Leere laufen lässt. Das wirkt auf den ersten Blick harmlos, ist im Alltag aber oft hochrelevant. Wenn jemand beim Abendessen, im Gespräch oder in gemeinsamen Momenten ständig aufs Display schaut, kann das vom anderen als mangelnde Zuwendung, geringe Aufmerksamkeit oder Zurückweisung erlebt werden. Genau solche wiederholten Mikromomente unterbrechen Nähe und belasten auf Dauer die Beziehungsqualität.“
Also ist die Sprachlosigkeit ein zentrales Problem?
„Ja, aber nicht nur im Sinne von ‚man redet weniger‘. Problematisch ist vor allem, dass gemeinsame Aufmerksamkeit verloren geht. Viele Paare sind körperlich zusammen, aber geistig ständig anderswo. Dadurch gehen spontane Gespräche, kleine Rückmeldungen, gemeinsames Lachen, aber auch konstruktive Auseinandersetzungen verloren. Beziehung lebt von Responsivität – also davon, dass ich merke: Der andere ist wirklich da, hört zu und reagiert auf mich. Wenn das dauerhaft durch digitale Ablenkung gestört wird, kann sich mit der Zeit emotionale Distanz entwickeln.“
Was hilft Paaren, die in diese Falle geraten sind?
„Der wichtigste Schritt ist, das Thema nicht moralisierend, sondern gemeinsam anzusprechen. Hilfreich sind klare und realistische Absprachen: keine Smartphones beim Essen, keine Geräte im Schlafzimmer, bewusst reservierte Zeiten ohne Bildschirm und kleine Rituale der Wiederverbindung – etwa ein gemeinsamer Spaziergang, Kochen oder ein festes Gespräch am Abend. Entscheidend ist nicht totale Abstinenz, sondern verlässliche gemeinsame Aufmerksamkeit. Wenn die Konflikte darüber zunehmen, wenn sich einer dauerhaft übersehen fühlt oder wenn zusätzlich Eifersucht, Rückzug oder Vertrauensprobleme entstehen, kann eine professionelle Paarberatung oder Psychotherapie sehr sinnvoll sein.“
Eltern und Jugendliche: Streit klären, Grenzen setzen
Der Kampf um Bildschirmzeiten ist in vielen Familien ein Dauerkonflikt. Was raten Sie Eltern?
„Solche Konflikte sind in vielen Familien normal, weil Jugendliche Autonomie wollen und Grenzen austesten. Problematisch wird es erst, wenn Eltern entweder gar keine Struktur vorgeben oder nur mit Verboten, Kontrolle und Eskalation reagieren. Was meist besser funktioniert, ist ein ruhiger, kooperativer Ansatz: klare Regeln, nachvollziehbare Begründungen und ein echtes Interesse daran, was das Smartphone für das Kind oder den Jugendlichen überhaupt bedeutet. Eltern sollten nicht nur sagen, was verboten ist, sondern auch, warum sie sich Sorgen machen – etwa wegen Schlaf, Konzentration, Stimmung oder Rückzug. Entscheidend ist dabei auch die Vorbildfunktion: Wer selbst ständig aufs Handy schaut, kann digitale Selbstbegrenzung nur schwer glaubwürdig vermitteln.“
Wie schafft man es, dass Jugendliche Absprachen tatsächlich einhalten?
„Am ehesten dann, wenn Regeln gemeinsam entwickelt, konkret formuliert und verlässlich umgesetzt werden. Hilfreich sind einfache, klare Absprachen – zum Beispiel handyfreie Mahlzeiten, kein Smartphone nachts im Schlafzimmer oder feste Zeiten ohne Benachrichtigungen. Wichtig ist, dass Eltern nicht nur kontrollieren, sondern auch im Gespräch bleiben: Was zieht dich online so stark an? Wann tut es dir gut, wann kippt es? Regeln wirken besser, wenn Jugendliche sie als nachvollziehbar erleben und wenn es außerhalb des Smartphones echte Alternativen gibt – Freundschaften, Sport, Musik, kreative Aktivitäten, Vereinsleben oder schlicht regelmäßige gemeinsame Zeit. Ohne solche Alternativen bleibt das Handy oft der attraktivste Ort für Anerkennung, Ablenkung und Zugehörigkeit.“
Was, wenn sich bereits eine problematische oder suchtähnliche Nutzung entwickelt hat? Wie erkennen Eltern das?
„Hellhörig werden sollten Eltern, wenn die Nutzung nicht nur viel Zeit beansprucht, sondern das Alltagsleben spürbar beeinträchtigt. Warnzeichen sind zum Beispiel anhaltende Schlafprobleme durch nächtliche Nutzung, deutlicher Leistungsabfall in Schule oder Ausbildung, Rückzug von früher wichtigen Aktivitäten, Heimlichkeit oder Täuschung über die Nutzungsdauer, starke Gereiztheit bei Einschränkung und eine anhaltende Fixierung auf das Gerät. Entscheidend ist nicht ein einzelnes Symptom, sondern das Gesamtbild über längere Zeit. Dann sollte man das Gespräch in einem ruhigen Moment suchen – möglichst ohne Vorwürfe. Wenn sich die Situation festgefahren hat oder die psychische Belastung deutlich ist, ist eine professionelle Abklärung sinnvoll, etwa über Kinder- und Jugendmedizin, schulpsychologische Unterstützung oder kinder- und jugendpsychiatrische beziehungsweise psychotherapeutische Angebote.“
Eine letzte Frage, gibt Ihnen diese Debatte auch Hoffnung?
„Ja, absolut. Ich halte es für ein gutes Zeichen, dass wir dieses Thema zunehmend ernsthaft diskutieren – gesellschaftlich, politisch und auch medizinisch. Die Debatte zeigt, dass wir beginnen zu verstehen, wie stark digitale Plattformen unser Verhalten beeinflussen können.
Gleichzeitig erlebe ich in meiner täglichen Arbeit, dass Veränderung möglich ist. Menschen, die ihre Nutzung reflektieren und aktiv gegensteuern, können wieder Kontrolle gewinnen. Sucht ist keine moralische Schwäche, sondern eine verständliche Reaktion des Gehirns auf bestimmte Reizstrukturen – und gerade deshalb auch veränderbar.
Das Gehirn ist lernfähig. Und das ist die vielleicht wichtigste Botschaft: Was wir uns angewöhnt haben, lässt sich in vielen Fällen verändern – auch wenn das Zeit, Übung und manchmal Unterstützung braucht.“
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Gal.
Und der Hinweis, dass Google und Meta bereits angekündigt haben, in Berufung zu gehen, zudem weist Google darauf hin, dass YouTube gar nicht zu den Sozialen Medien gehöre.
Wir sind zertifiziert: